15.01.18 08:47 Alter: 101 days
Kategorie: Top News
15.01.18

Ein harter Weg zurück in die Lebensspur

Der Jenenser Robert Leichsenring kämpft gegen Ängste und Zwänge und fand einen Weg aus der Privatinsolvenz.


Robert Leichsenring an seinem Arbeitsplatz im Berufsbildungsbereich der Roda-Werkstatt.

Robert Leichsenring hatte eine glückliche Kindheit. Der Jenenser, der morgen seinen 38. Geburtstag feiert, besuchte eine Jenaer Regelschule und absolvierte innerhalb von vier Jahren eine Ausbildung zum Fleischer. Einen Monat arbeitete er danach in seinem erlernten Beruf, bevor er den Job aufgab. „Ich habe gemerkt, dass das für mich nicht funktioniert. Viele Überstunden hatten sich angehäuft, ich konnte dort nicht bleiben.“ Zudem sei er damals mit falschen Freunden rumgerannt, habe Schulden angehäuft und feststellen müssen, dass sein Leben immer mehr aus der Bahn geriet. Über die Jahre hat Robert Leichsenring „seine Spur“ in vielerlei Belangen wiedergefunden. Dabei geholfen habe ihm auch der Besuch des Tageszentrums Aktion Wandlungswelten Jena, dessen Angebot er von Anfang 2012 bis zum Oktober 2015 ­nutzen konnte. „Unter Leuten zu sein, eine Tagesstruktur zu haben und zu sehen, dass ich Schritt für Schritt vorwärts komme, tat gut. Das Angebot ist allerdings zeitlich auf vier Jahre ­begrenzt. Deshalb wechselte ich zum 2. November 2015 auf Empfehlung in die Roda-Werkstatt nach Stadtroda.“ Dort ist Robert Leichsenring derzeit im Berufsbildungsbereich „Elektro“ tätig. Lackdrähte zu verzinnen, länderspezifische Netz- und Stromkabel zu montieren, diese nach Fertig­stellung zu prüfen und zu verpacken, gehört unter anderem zu seinen Aufgaben. Seit Juni 2017 engagiert er sich auch als Schriftführer im Werkstattrat, kümmert sich in dieser Funktion gemeinsam mit den anderen Räten zum Beispiel um die Probleme und Sorgen der Beschäftigten. In der Regel alle zwei Wochen ist der Jenenser Fahrer für den Kücheneinkauf. Auch in den Bereichen Küche und Landschaftspflege der Roda-Werkstatt war Robert Leichsenring schon tätig. Ein Praktikum außerhalb der Werkstatt absolvierte er im September 2017 in der Staatlichen Berufsbildenden Schule für Gesundheit und Soziales in Jena. „Dort war ich in der Küche im Einsatz, habe jedoch nur zwei Wochen durchgehalten.“ Dafür gibt es verschiedene Gründe. Robert Leichsenring leidet unter Angst- und Persönlichkeitsstörungen, unterliegt gewissen Zwängen. „Ich habe zum Beispiel totale Angst davor, Pleite zu gehen und tue mich schwer damit, Geld auszugeben.“ Seine Vergangenheit spiele bei solchen Gedanken eine wesentliche Rolle. „Ich hatte mal so viele Schulden, dass der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand und ich in Privatinsolvenz war. Mein Onkel, der davon Wind bekam, hat mir damals sehr geholfen und mich aufgefangen. Mittlerweile könne er wieder über sein selbst erarbeitetes Geld verfügen. Ein vom Amtsgericht bestellter Betreuer stehe ihm allerdings immer noch zur Seite. Viele Höhen und Tiefen durchlebte der junge Mann, war mal hier und mal da beschäftigt, zwischenzeitlich arbeitslos. „Ich habe durch mein Verhalten leider keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Ich war Anfang 20, als sie immer wieder versuchten, zu mir durchzudringen. Ich aber war zu stur. Heute kann ich sie verstehen und würde mir wünschen, wenn wir wieder zueinander finden würden.“ Neben seiner Arbeit in der Roda-Werkstatt, die er von Montag bis Mittwoch von 7.35 bis 15.35 Uhr sowie donnerstags und freitags von 7.35 bis 14.30 Uhr ausführt, widmet er sich verschiedenen Interessen. Für Geschichte könne er sich erwärmen, insbesondere für das Mittelalter, für die Entwicklung Nordkoreas, den Zweiten Weltkrieg und die DDR-Zeit. „Seit 1993 bin ich auch Wrestling-Fan. Mich interessieren besonders die einzelnen Geschichten der Schaukämpfer. Jeder Wrestler hat eine Storyline, das ist wie eine Soap und es braucht eine gewisse Zeit, bis man dahinter kommt.“ Diesem Hobby gemäß wundert es nicht, dass er sich wünscht, eine Wrestling-Show einmal selbst live miterleben zu können. „Ich würde auch gern mal nach Amerika reisen, wo Wrestling ja sehr populär ist. Aber auch Finnland oder Sibirien interessieren mich.“ Geht es um das, was die Zukunft für ihn bereithalten sollte, wolle er gesund bleiben, nicht ­alleine sein, immer Freunde haben, so lange wie möglich in der Roda-Werkstatt arbeiten können, alt werden – und vor allem wieder Kontakt zu seinen Eltern haben. Ute Flamich / 10.01.18